Damit der Wald schnell wachsen kann, wird das Rehwild benötigt!
Ein Bericht von Franz Xaver Namberger.
Zu „alten Zeiten" war die Anzahl des Rehwildes zehnmal so hoch
wie heute und trotzdem waren die Fegeschäden und der Verbiss
sehr gering. Im Laufe der Zeit änderte sich jedoch einiges:
Große Teile des ursprünglichen Lebensraumes des Wildes
wurden zerstört oder durch den Menschen und seine Einflüsse
stark belastet. Somit nahm das Wild bei unterlassener Fütterung
einen immer größeren negativen Einfluss auf die
nachwachsende Waldbepflanzung. Für viele Verantwortliche im
Wald- und Jagdbereich sollte nun der ideologische Grundsatz
„Wald vor Wild" – also einen Teil der Natur über einen anderen
zu stellen - die Lösung bringen.
Um diese Problematik besser darstellen zu können, will ich mit
einem Rückblick beginnen.
Im Jahre 1997 hatte mein Vater Franz Namberger ein Jagdrevier
in Wolkersdorf bei Traunstein mit einer Größe von 560 Hektar
(HA) gepachtet. Die Bilanz sah damals wie folgt aus: Der 3-
Jahresabschuss lag bei 127 Rehen. Trotz dieser hohen
Abschussquote war der Verbiss im Wald immer noch sehr hoch
und keinesfalls tragbar.
Als ich im Jahr 1999 die Jägerprüfung erfolgreich ablegte,
übernahm ich das Revier meines Vaters. Bereits im Jahr 2000
machte ich mir Gedanken über das Thema „Wald mit Wild",
denn der Verbiss war trotz hoher Abschusszahlen immer noch zu
groß! Diese Tatsache bestätigten auch viele betroffene Bauern.
Wo versucht wurde, möglichst alle Rehe zu erlegen, sei der
Verbiss seit 50 Jahren nicht mehr so schlimm gewesen wie jetzt.
Nach langer Beobachtungszeit konnte ich die Ursachen wie folgt
erklären:
•
Zu lange Schusszeiten.
•
Kirrung bis 15. Januar, danach kein Futter mehr.
•
Falsche Kirrung.
•
Ohne Fütterung entsteht von Februar bis April der größte
Verbiss.
•
Im Frühjahr bräuchten die Rehe bis zu 550g Futter pro Tag.
•
Im Winter haben die Rehe viel zu wenig Ruhe.
•
Die Drückjagd ist nicht geeignet (gehört verboten).
•
Abschuss von Geißen außerhalb der Schusszeit.
•
Schießen auf flüchtige Rehe.
•
Zu hoher Abschuss, dadurch viel zu hoher Jagddruck.
•
Zu wenige Futterplätze.
•
Kein oder falsches Futter.
•
Angeschossene Rehe.
•
Krankes Wild.
•
Verwaiste Kitze.
•
Eigenbewirtschaftungen (Verbiss wird dadurch nur
schlimmer).
Grundsätzlich bin ich froh, dass niemand die Rehe gänzlich
ausrotten kann! Doch das überraschendste ist: Es entsteht ein
wesentlich größerer Verbissschaden, wenn nur geschossen aber
nicht gefüttert wird. Wie kann man sich diese Tatsache
erklären? Nun, ein Reh benötigt im Winter durchschnittlich 450
g Futter am Tag. Von November bis April ergibt das zusammen
ca. 85 kg pro Reh. Wenn man jetzt diese 85 kg in Leit- und
Seitentriebe umrechnet, dann ergeben sich daraus sehr viele
Bäumchen!
Mit diesen Erkenntnissen entwickelte ich daraufhin ein
Wildfutter, welches ich auch im Revier Wolkersdorf einsetzte.
Durch meine Fütterung und normaler Jagd konnte ich bereits im
Jahr 2003 feststellen, dass der Fichten- und Tannenverbiss nicht
mehr vorhanden war! Im Idealfall äst (frisst) das Rehwild neben
meinem Futter auch Springkraut und Brombeerblätter. Der
Höhepunkt in diesem Jahr war dann die Bescheinigung eines
sehr guten Waldzustandes von den Waldbauern. Die erfreuliche
Folge aus meiner Aktion „Wald mit Wild" war dann auch, dass
der Abschuss deutlich gesenkt werden konnte (3,4 Rehe auf 100
Hektar)!
Diesen Erfolg konnte ich aber nur durch folgende Maßnahmen
erreichen:
•
Durchführung von Fütterungen.•
Im Winter keine Jagd auf Rehwild (ab 15.10. Ruhe).•
Keine Drückjagd abhalten (nur Sammelansitze AnfangSeptember).
•
95% der Jagd im Wald ausüben.•
Februar: Salzpaste mit Anis auf Holundersträucherschmieren (wegen Fegeschäden).
•
Die Böcke alt werden lassen (Dies hat bereits mein Vaterseit den 60er Jahren beherzigt).
Wichtig dabei ist, dass ab Februar kein Hafer verfüttert wird!
Das angrenzende Jagdrevier in Chieming (Mitte Eglsee, Größe
227 HA) konnte ich glücklicherweise im Jahre 2004 zusätzlich
pachten. Auch dort war der Verbiss an Nadel- und Laubbäumen
zu hoch! Ich entwickelte mein Futter abermals weiter: Diesmal
für Buche, Ahorn, Esche, Erle, Vogelbeere, Eiche, Kirschbaum,
Nussbaum, Hainbuche und Lärche.
Bei einer Waldbegehung im Frühjahr 2007 schaute ich mit
einem Waldbesitzer wieder mein Eglsee-Revier (Größe 227 HA)
an. Wir waren beide begeistert, wie sich der Waldzustand
verbesserte! Daraufhin bestätigte mir der Waldbesitzer, dass der
Abschuss in meinem Revier gesenkt werden kann.
Damit wurde meine bisherige Vorgehensweise klar bestätigt.
Außerdem konnte das Wildbrettgewicht durchschnittlich von 11
kg auf 20 kg gesteigert und die Fleischqualität stark verbessert
werden! Das Springkraut und die Brombeeren äsen die Rehe
inzwischen mit Vorliebe.
Auffällig ist: Wo im Wald die meisten Rehe einstehen, wächst
der Wald am schnellsten!
Die Pflanzung in meinem Revier:
- 4.000 Bäume mit 80-120 cm Höhe --> Kein Rehverbiss
- 3.200 Bäume mit 60-80 cm Höhe --> Kein Rehverbiss
- 700 Bäume mit 40-120 cm Höhe --> Kein Rehverbiss
Im Jahr 2001 stellten wir in einem Kahlschlag meines
Jagdrevieres eine Jägerkanzel auf. Die Bäume waren zwischen
10 - 30 cm hoch (Naturverjüngung). Bereits im Jahr 2003
mussten wir die Kanzel höher setzen. Und im Jahr 2004 konnten
wir sogar die Jagd aufgrund des hohen und dichten
Waldnachwuchses nicht mehr ausüben und entfernten die
Kanzel. Jetzt im Jahr 2007 sind die Bäume bis zu 5 Meter hoch!
Genau so muss der Wald wachsen!
Im Frühjahr 2008 fand in meiner Jagd Chieming Mitte (Teil
Eglsee) eine Waldbegehung auf Wunsch eines Waldbauern statt,
der die letzten 3 Jahre dort Holzarbeiten verrichtete. Es waren 45
Personen anwesend, davon 30 Waldbauern. Bei der Begehung
stellte sich heraus, dass der Waldzustand hervorragend ist. Der
Wald sei sehr schnell gewachsen und der Rehwildbestand sehr
hoch. Dies war für mich die Bestätigung: Hoher Wildbestand,
richtige Fütterung, super Waldzustand. Der Wald kann schnell
wachsen, weil die Rehe Springkraut, Brombeere, Himbeere und
Heidelbeere extrem äsen. Die Waldbauern sagten zu mir, ich
könne sehr stolz sein, was ich in den letzten Jahren erreicht habe
- und das bin ich auch! Ich gebe meine Erfahrungen jedes Jahr
an ca. 250 bis 300 Waldbauern, Jäger, Jagdpächter und
Jagdgenossenschaften weiter.
Wie im Sommer 2008, als eine Jagdgenossenschaft zu mir kam
und meine Reviere besichtigte. Die Vorstandschaft, Jagdpächter
und Jäger – sie alle waren begeistert und haben im Anschluss
beschlossen, den Abschuss als auch das Füttern genauso wie ich
machen zu wollen. Sogar ein Waldbauer mit 80 Jahren sagte zu
mir:Bua, du hast recht! was mich natürlich besonders freute.
Ein paar Tage später rief mich der Vorstand an und erzählte mir
am Telefon, er habe ein Waldstück mit 90% Tannenverbiss!
Darauf fragte ich ihn, ob sein Wald an einer Jagdgrenze liege. Er
bestätigte dies und ich erzählte ihm, dass es bei uns vor meiner
Zeit genauso war. 2004 konnte ich dann die Nachbarjagd
pachten, was für den Wald positiv war, was sich im Nachhinein
herausstellen sollte. Denn als wir dort an der Jagdgrenze den
Wald besichtigten, stellten wir einen super Waldzustand fest.
Dafür ist es meiner Meinung nach notwendig, dass man die
Rehe an den Grenzen füttert, die Jagd normal betreibt (3,8 Rehe
pro 100 HA) und ab dem 15. Oktober keine Jagd mehr auf
Rehwild ausführt (Winterruhe).
Das Wichtigste ist der Wald - wir müssen alle zusammenhelfen!
Die Aufgabe der Jagd ist es, einen artenreichen und gesunden
Wildbestand in einem ausgewogenen Verhältnis zu den
natürlichen Lebensgrundlagen zu erhalten. Und unser
heimisches Wild gehört zur Lebensgemeinschaft Wald.
Natürlich wäre es jedem Jäger am liebsten, wenn der
Lebensraum des Wildes so beschaffen wäre, dass es einer
Wildfütterung nicht bedarf. Diese Vorstellung ist jedoch
unrealistisches Wunschdenken.
Zusammengefasst: Normaler Wildbestand, bestehend aus
gesundem Wild, ergibt keinen Verbiss und einen hervorragenden
Waldzustand!
Es ist schön, einfach zuschauen zu können, wie der Wald wächst
– trotz gesundem Rehbestand! Nehmen wir die machbare
Herausforderung „Wald mit Wild" an und helfen alle zusammen:
- dem Wald zuliebe,
- dem Jäger und dem Wild zuliebe,
- dem Waldbauern zuliebe,
- der Umwelt zuliebe und
- erst recht unseren Kindern zuliebe!
Rehe sind für den Wald sehr nützlich, denn sie äsen u.a. extrem
viel Springkraut und Brombeeren. Dadurch kommt mehr Licht
auf den Boden und die Bäumchen können besser und schneller
wachsen. Dort wo sie nachts liegen lockern sie den Boden auf
und die kleinen Bäumchen wachsen an diesen Stellen besonders
gut. Insgesamt entsteht hierdurch ein hoher Waldzuwachs.
Fazit: Wo die meisten Rehe einstehen und richtig gefüttert
werden entsteht der beste Wald
.